Reporter: Hallo, hier ist Jean Simmons von ATV. Ich stehe hier bei 40° minus in Kangik. Bei mir ist Julie Edwards, die eine lange und einsame Wanderung durch die eisige Tundra hinter sich hat. Um nicht zu verhungern, schloss sie sich einem Rudel Wölfe an, das ist wirklich unglaublich. Julie, wie fühlst du dich jetzt nach deiner langen Wanderung?

Julie: Danke, inzwischen fühle ich mich wieder ganz gut. Zuerst wollte ich gleich wieder zurück in die Tundra abhauen. Es war alles zuviel für mich. Aber dann habe ich mich entschlossen doch hier zu bleiben. Vor allem, weil ich nach langer Zeit endlich meinen Vater wieder getroffen habe.

Reporter: Julie, was hat dich denn überhaupt veranlasst, ganz allein in die Wildnis zu gehen? Wolltest du ein echtes Abenteuer erleben?

Julie: Nein, um ein Abenteuer zu erleben, bin ich nicht in die Tundra gegangen. Aber mir blieb keine Wahl. Ich hatte in Barrow eine Kinderehe geschlossen. Aber mein Mann wurde gewalttätig. Da habe ich meine Sachen gepackt und bin abgehauen. Ich wollte eigentlich nach Point Hope, um von da mit dem Schiff nach San Francisco zu fahren. Dort wohnt meine Brieffreundin Amy.

Reporter: Nun, in Point Hope bist du ja gar nicht angekommen. Hattest du unterwegs deine Pläne geändert?

Julie: Nein, das nicht gerade. Eigentlich habe ich mich schlicht und einfach verlaufen. Sich da draußen in der Wildnis zu orientieren ist doch schwerer als ich dachte. Ich hatte keinen Kompass und konnte deshalb nur sehr ungenau die Himmelsrichtung feststellen, z. B. danach wohin die Vögel fliegen oder der Wind weht.

Reporter: Wo hast du denn während der Wanderung geschlafen? Hattest du etwa eine komplette Outdoor-Ausrüstung dabei, mit Zelt und so?

Julie: Eine Outdoor-Ausrüstung hatte ich nicht dabei, aber mein Vater hat mir früher viel darüber beigebracht, wie man sich in der Natur zurecht findet. Daher wusste ich zum Beispiel, wie man ein Grasziegelhaus baut. Das hat mir sehr geholfen. Später fand ich ein frisch gerissenes Karibu, aus dessen Fell und Knochen ich mir ein Zelt baute. Als der Winter einbrach, habe ich mir auch ein Iglu gebaut.

Reporter: Was hast du denn gegessen, du hattest ja sicher nicht genug Vorräte für all die Wochen da draußen mitgenommen?

Julie: Das war wirklich mein größtes Problem, dass ich nicht genug zu essen hatte, als die Vorräte nach einer Woche zu Ende waren. Als der Hunger immer stärker wurde, schloss ich mich einem Rudel Wölfe an, wie es mein Vater auch einmal getan hatte. Von denen bekam ich dann schließlich etwas Fleisch ab, gerade genug um zu überleben.

Reporter: Du hast also tatsächlich mit Wölfen zusammengelebt? Hattest du denn gar keine Angst?

Julie: Doch, sicher. Zuerst hatte ich große Angst. Aber dann erinnerte ich mich an das, was mein Vater mir erzählt hatte. Man muss die Sprache der Wölfe verstehen und ihre Regeln akzeptieren. So wurde ich schließlich auch in das Rudel aufgenommen. Ohne die Wölfe hätte ich vielleicht nicht überlebt.

Reporter: Gab es denn auch gefährliche Momente, in denen du dich von den Wölfen bedroht fühltest?

Julie: Eigentlich nicht. Der Anfang war vielleicht am gefährlichsten. Die Wölfe hätten mich sofort töten können, wenn ich mich falsch verhalten hätte. Aber als ihr Anführer mich akzeptiert hatte, war die Gefahr gebannt. Nur einmal, als das rangniedrigste Tier im Rudel, ich nannte ihn Pudding, mir mein Essen raubte, wurde es richtig gefährlich. Aber der Rudelführer, den ich Amaroq nannte, hat ihn dafür hart bestraft. Er tötete Pudding und beschützte mich so als Rudelmitglied.

Reporter: Wurdest du noch von anderen wilden Tieren angegriffen?

Julie: Ja, von einem Grizzly. Kurz nachdem ich das Rudel verlassen hatte, tauchte der riesige Bär hinter einem Hügel auf. Er hätte mich bestimmt in Stücke gerissen, wenn das Wolfsrudel mir nicht gefolgt wäre und mich beschützt hätte. Sie retteten mir das Leben, indem sie den Grizzly angriffen und in einem Kampf auf Leben und Tod in die Flucht schlugen. Ja, ich verdanke den Wölfen mein Leben.

Reporter: Hast du während deiner Wanderung eigentlich keine Menschen getroffen?

Julie: Doch, aber erst ganz am Schluss meiner Wanderung. Ich hatte mir auf dem Avalik River ein Iglu gebaut. Nach einigen Tagen kam ein junges Paar mit seinem Baby vorbei und sie übernachteten bei mir. Das waren nach vielen Monaten die ersten Menschen, die ich traf. Zuerst fiel es mir sogar schwer, wieder zu reden. Dieses junge Paar erzählte mir dann auch, dass mein Vater noch lebt und in Kangik wohnt. Deshalb bin ich hierher nach Kangik gekommen.

Reporter: Wirst du dein Wolfsrudel noch einmal besuchen?

Julie: Dran habe ich schon gedacht. Denn das Wolfsrudel war ja fast wie eine richtige Familie für mich. Aber so eine lange, einsame Wanderung möchte ich nicht noch einmal auf mich nehmen, auch wenn es ein großartiges Erlebnis war.

Reporter: Ja, das denke ich auch. Das hätte nicht jeder geschafft, ein paar Monate alleine in der Tundra zu überleben, Julie, wir wünschen dir noch alles Gute für die Zukunft. Vielen Dank für dieses spannende Interview.

Julie: Darf ich zum Schluss noch etwas sagen?

Reporter: Ja bitte!

Julie: Ich finde es grausam, Wölfe nur so zum Spaß vom Flugzeug aus zu jagen und zu erschiessen. Ich habe das selber miterlebt. Ich möchte, dass so etwas verboten wird.

Reporter: Nochmals vielen Dank. Das war Jean Simmons von ATV live aus Kangik, Alaska. Damit zurück ins Studio!